Ein Buch lesen – spazieren gehen – den Putzeimer stehen lassen: In einem durchorganisierten Arbeitsleben bleibt dafür wenig Zeit. Und doch wünschen sich bestimmt die meisten, ein Leben wie Pippi Langstrumpf zu führen.
Mal die Seele baumeln lassen!
Pippi Langstrumpf: "Faul sein ist wunderschön"
"Faul sein ist wunderschön,
Denn die Arbeit hat noch Zeit
Wenn die Sonne scheint und die Blumen blüh'n
Ist die Welt so schön und weit.
Faul sein ist wunderschön
Liebe Mutter glaub' es mir
Wenn ich wiederkomm', will ich fleißig sein.
Ja, das versprech' ich dir."
Sprecherin:
Eigentlich wollen alle so sein wie Pippi Langstrumpf: Frech, faul und frei von allen gesellschaftlichen Konventionen. Doch kaum einer entscheidet sich für dieses Lebensmodell. Man geht in die Schule und später ins Büro, arbeitet zu Hause am eigenen Computer weiter, um zur Arbeit zu gehen. Nur die wenigsten nutzen ihre freie Zeit zum zweckfreien Nichtstun. Stattdessen gehen sie Beschäftigungen nach, die entweder dem Kopf oder dem Körper etwas abverlangen. Zeit für Muße bleibt in so einem durchorganisierten Leben kaum noch.
Sprecher:
Das war nicht immer so. Die antike Welt hatte eine klare Vorstellung von Arbeit und Muße: Arbeit war Sache der Sklaven und der Frauen, die Muße hingegen war allein den freien Männern vorbehalten, weiß der Kulturjournalist Eberhard Straub:
Eberhard Straub:
"Natürlich muss der Mensch ja das Recht haben, sich mal auf die faule Haut zu legen. Denn der Mensch ist ja nicht zum Arbeiten geboren. Es genügte immer, dass jeder das erreicht oder sich erarbeitet, was er eigentlich braucht, um anständig leben zu können. Ein Gewinnstreben war eigentlich immer verpönt. Schon Aristoteles oder Plato oder Cicero haben das als unsittlich verworfen, und insofern war es schlichtweg immer ein Gebot gewesen, dass der Mensch auch faul sein dürfe und faul sein müsse. Denn er muss sich ja schließlich erholen und ablenken, und seine Freiheit besteht unter anderem auch darin, dass er in Gottes Namen sich unter 'nen Apfelbaum setzt, ein Glas Wein trinkt und in den Himmel starrt, ohne an vieles zu denken. Das muss nun auch zu seiner Freiheit gehören."
Sprecher:
Auf der faulen Haut liegen ist eine umgangssprachliche Umschreibung für müßiggehen, nichts tun oder faulenzen, und kommt vermutlich von der veralteten Redewendung auf der faulen Bärenhaut liegen. Der Ausruf in Gottes Namen war ursprünglich ein Ausruf, der gutes Gelingen wünschte. Heute äußert man mit dieser Wendung missbilligende Zustimmung, wie zum Beispiel "Geh doch in Gottes Namen!", wenn man eigentlich der Überzeugung ist, jemand solle bleiben.
Sprecher:
Der Journalist Eberhard Straub ist ein großer Verfechter der gepflegten Muße. In Zeiten, in denen man sich Wichtigkeit, Ansehen und Macht in erster Linie nur noch durch Arbeit erwerben kann, muss Straubs Lob auf das Nichtstun als eine wahrlich provokante These verstanden werden. Denn ein Müßiggänger wird heutzutage nur noch mit negativen Beschreibungen assoziiert.
Eberhard Straub:
"Ein Müßiggänger – das ist ja immer das Problem. Der Müßiggang hat ja eigentlich immer einen schlechten Ruf gehabt. Aber Muße treiben wurde ja immer sehr empfohlen. Der Müßiggänger ist ja der, der sich mit Kartenspiel und mit Weibern und mit Rotwein nächtlich lärmend in den Straßen des alten Roms herumtreibt oder in den Gassen Europas. Der Müßiggänger selber ist eigentlich etwas nicht unbedingt Empfehlenswertes, zumindest nach dem allgemeinen Sprachgebrauch. Aber Muße soll ja eine sinnvolle Beschäftigung sein. Also, man liest Bücher, man denkt nach, man pflegt seinen Garten oder spielt Klavier, oder was man sonst so an schönen Dingen tun und treiben kann, und das ist ja eigentlich was Empfehlenswertes."
Sprecher:
Das Wort Muße kommt aus dem Althochdeutschen und meint hier eine angemessene Gelegenheit, etwas zu tun. Bereits im Neuhochdeutschen wandelt sich die Bedeutung dieses Wortes zum Negativen hin: Muße bedeutet fortan nicht nur Freizeit, sondern auch Bequemlichkeit oder Untätigkeit. Somit ist ein Müßiggänger eine Person, die sich passiv und faul unnützem Tun hingibt.
Sprecherin:
Überspitzt könnte man also sagen: Wer heutzutage als ein Müßiggänger bezeichnet wird, ist in den Augen der meisten nichts anderes als ein Faulpelz, ein Nichtsnutz.
Eberhard Straub:
"Ein Faulpelz, das kann sogar wie Oblomow ein sehr edler Mensch sein. Der macht sich seine Gedanken, liegt aber den ganzen Tag im Bett. Ein Faulpelz ist natürlich – wie der Müßiggänger – etwas, was wir nie sonderlich in der europäischen oder in der antiken Geschichte geschätzt haben. Bloß die Leute, die heutzutage arbeitslos sind, sind ja in der Regel keine Faulpelze, sondern ihnen wurde die Arbeit entzogen. Sie stehen da und müssen sehen, wie sie sich das Leben arrangieren."
Sprecher:
Faulpelz oder auch Faultier ist eine ausdrucksstarke Bezeichnung für einen trägen oder arbeitsunlustigen Menschen. Im 16. Jahrhundert war die Bezeichnung eines Faulbetts durchaus noch geläufig und wurde in der Mitte des 18. Jahrhunderts vom Wort Kanapee, dem späteren Sofa, abgelöst. Das Eigenschaftswort faul hat zwei Bedeutungen entwickelt. Es meint zum einen träge, langsam, zum anderem in Verwesung übergehend. Auf diese Doppelbedeutung zielen die Wortspielereien vor Faulheit stinken, stink- oder stinkend faul sein.
Sprecherin:
Eberhard Straub verweist auf die Figur des Romanhelden Oblomow. Der Roman von Iwan Gontscharow mit dem gleichnamigen Titel erschien im Jahr 1859 und erzählt die Geschichte eines vom Leben gelangweilten Gutsbesitzers, der zwischen Tisch und Bett untätig hin- und herpendelt. Weil er sich durch seine Herkunft und seine Standeszugehörigkeit keine materiellen Sorgen machen muss, ist Oblomow zur Passivität verdammt. Gontscharow stellt der Oblomow-Figur die Gestalt eines russischen Industriellen gegenüber, der deutlich positivere Züge trägt. Hinter dem Roman verbirgt sich also eine Gesellschaftskritik am russischen feudalen Herrschaftssystem.
Sprecher:
Eberhard Straub hingegen macht die Ideale des Bürgertums dafür verantwortlich, dass es Müßiggänger und Faulpelze bis auf den heutigen Tag in unserer Gesellschaft schwer haben.
Eberhard Straub:
"Das ist dann wirklich die bürgerliche, kapitalistische Gesinnung seit dem 19. Jahrhundert, die ja immer verkündet Arbeit macht das Leben süß, und nur, wer arbeitet, ist überhaupt ein vollwertiger Mensch, und Arbeit macht frei. Und da kommt man zu diesem ganzen Arbeitsethos, das eigentlich bis dahin der Menschheit unbekannt war. Also, Griechen und Römer wie die Christen fanden ja, dass die Arbeit ein Fluch ist und ein Verhängnis, das dem Menschen aufgrund seiner Unvollkommenheit eben verhängt wurde von den Göttern oder von Gott."
Sprecher:
Obwohl erst das Bürgertum den Wert der Arbeit adelte, gibt es schon bei Hesiod Verse, die das Tätigsein achteten. So heißt es hier unter anderem:
Zitat:
Hesiod: "Werke und Tage"
"Arbeit schändet nicht".
Sprecher:
Interessanterweise ist diese Redewendung bis auf den heutigen Tag durchaus gebräuchlich. Fast sprichwörtlich wurde auch die Devise des Benediktinerordens Bete und arbeite – Ora et labora. Seit dem 19. Jahrhundert, also der Zeit des aufkommenden Bürgertums, gewinnt die Arbeit an immer größerer Wertschätzung. So heißt es zum Beispiel in Schillers "Glocke":
Zitat:
Schiller: "Das Lied von der Glocke"
"Arbeit ist des Bürgers Zierde".
Sprecher:
Auch die bekannte Wendung Arbeit macht das Leben süß ist literarischer Herkunft. Der Ausspruch ist der Anfangszeile des Liedes "Arbeit" von Gottlob Burmann entnommen. Weiter heißt es hier scherzhaft:
Zitat:
Gottlob Burmann: "Arbeit"
"Faulheit stärkt die Glieder".
Sprecher:
Mit dem Ausspruch Arbeit macht frei spielt Eberhard Straub auf den Nationalsozialismus an. Ursprünglich ist diese Parole wohl dem Titel eines 1872 in Wien veröffentlichten Romans eines deutsch-nationalen Autors entlehnt. Später dann bedienten sich die Nationalsozialisten dieses Mottos. Seitdem die Parole als Toraufschrift in zahlreichen Konzentrationslagern verwendet wurde, ist das Zusammenspiel von Arbeit und Freiheit mit äußerster Vorsicht zu genießen: Arbeit macht frei bedeutete bei den Nationalsozialisten: Vernichtung durch Arbeit.
Sprecherin:
Nach diesem dunklen Kapitel sollte die Welt wieder eine gerechte Ordnung bekommen, von denen jeder Einzelne profitierte: Die Arbeitszeiten wurden verkürzt, der Anteil an freier Zeit nahm zu. Jeder sollte den sozialen Aufstieg schaffen können.
O-Ton:
"Nun sagt man: Wer rastet, der rostet."
Eberhard Straub:
"Das ist nun im Grunde natürlich auch ein altes Sprichwort. Also, dynamisch waren die Europäer ja immer. Bloß, sie wussten immer ganz genau, dass neben der Vita activa, dem Leben als Arbeit, natürlich unbedingt auch die Erholung und die Freizeit und der Feiertag vor allem kommen muss. Denn die alte Welt, also vor der französischen Revolution und vor dem Industriekapitalismus, war ja eigentlich eine Feiertagsgesellschaft und keine Arbeitsgesellschaft."
Sprecher:
Wer rastet, der rostet ist ein viel zitiertes Sprichwort, das mit den nahezu gleichlautenden Wörtern rasten und rosten spielt und meint, dass ein Mensch, der seinen Körper, oder auch seinen Geist, nicht genügend fordert, einrostet, also verkümmert. Weniger geläufig ist die Redewendung jemandem den Rost runtermachen – jemandem gehörig die Meinung sagen. Das Bild meint, jemanden so grob zu behandeln, als ob er aus Eisen sei und man ihm mit einer Drahtbürste den darauf angesetzten Rost herunterkratzen und ablegen müsste. Diese Redensart ist im süddeutschen Raum noch verbreitet.
Sprecherin:
Wie sehr sich die Menschen aber auch bemühen: glücklich macht sie die Arbeit allein sicherlich nicht. Zudem, wenn sich die vorhandene Arbeit schon lange nicht mehr gerecht verteilen lässt. Immer mehr Arbeitslose suchen vergeblich nach einer Beschäftigung. In einer Welt, in der die Arbeit nach wie vor über die gesellschaftliche Bedeutung eines Menschen bestimmt, werden die Arbeitslosen zu Außenseitern. Sie verfügen zwar über viel Zeit, doch Zeit für Muße finden sie dabei meist nicht.
Sprecher:
Ganz ohne Arbeit ist allerdings wohl auch kein Glück zu finden. Für Eberhard Straub ist ein Müßiggänger deshalb ein wahrer Lebenskünstler: Er hat keine finanziellen Nöte und dennoch Zeit für die schönen Dinge. Deshalb ist es wohl auch nur ganz wenigen und außergewöhnlichen Menschen wie etwa Pippi Langstrumpf vorbehalten, ein Loblied auf das Nichtstun zu singen.
Musik:
Pippi Langstrumpf: "Faul sein ist wunderschön"
"Faul sein ist wunderschön,
Ob mit, ob ohne Geld.
Wer's nicht glaubt, der soll zur Schule geh'n,
Wir ziehen in die Welt.
Tralla-la-la-la, die Mutter, die backt Kuchen.
Der schmeckt dem Faulpelz gut, genauso wie dem Fleiß'gen.
Faul sein ist wunderschön,
Viel schöner als der Fleiß.
Die Luft ist blau, der Wald ist grün,
der kleine Onkel, der ist weiß."
Fragen zum Text
Wenn etwas faul ist, dann ist es …
1. träge und langsam
2. verdorben.
3. unsittlich.
Der Ausspruch Arbeit macht frei wurde verwendet zu Zeiten …
1. der Preußen.
2. der Nazi-Diktatur.
3. des deutschen Kaiserreichs.
Der "kleine Onkel" in Pippi Langstrumpfs Lied ist ihr …
1. Zeh.
2. Verwandter.
3. Pferd.
Arbeitsauftrag
Diskutieren Sie in der Gruppe, was für Müßiggang spricht und was dagegen. Erstellen Sie ein Protokoll, in dem wesentliche Punkte der Diskussion festgehalten werden.
Autorin: Antje Allroggen
Redaktion: Beatrice Warken